Archäologische Grabung soll UNESCO-Weltkulturerbe werden

Einstimmig fasste der Rat der Stadt Schöningen in seiner Sitzung am 10. September einen Beschluss, der in seiner Tragweite einem
Meilenstein für die Stadt und die gesamte Region gleichkommen könnte: Die altpaläolithische Grabung am Rande des ehemaligen Braunkohletagebaus – Fundstätte der weltberühmten Schöninger Speere und weiterer Sensationen – soll UNESCO-Weltkulturerbe werden. Außerdem fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Forschungsprojekt zu den Schöninger Speeren.
Einigkeit herrschte in der Ratssitzung über die Zukunft der archäologischen Grabung. Einstimmig wurde der Beschluss gefasst, deren UNESCO-Bewerbung zu unterstützen

Im Juni dieses Jahres hatte der niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur Björn Thümler Rat und Verwaltung dar­über informiert, dass das Ministerium beabsichtigt, einen Antrag zur Aufnahme auf die nationale Tentativliste zum UNESCO-Weltkulturerbe für die altpaläolithische Fundstelle Schöningen zu stellen. Die Einschätzung auch externer Fachleute attestiere der Fundstelle eine hohe Qualität und herausragende Bedeutung für die Menschheitsgeschichte. Sie habe somit beste Chancen für eine erfolgreiche Bewerbung.

Dies unterstrich auch Bürger­meister Malte Schneider in der Ratssitzung. Die Aufnahme der Schöninger Fundstelle als Weltkulturerbe stärke nicht nur die Attraktivität und das Ansehen von Grabung und Forschungsmuseum, sondern stelle einen positiven Nutzen für die Attraktivität der gesamten Stadt in der öffentlichen Wahrnehmung dar, so Schneider. Die anwesenden Ratsmitglieder folgten seiner Einschätzung und gaben ihr einstimmiges Votum ab.

Die Antragstellung erfolgt nun in den kommenden Monaten durch das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege und Senckenberg bzw. die Universität Tübingen.

Die altpaläolithische Grabung Schöningen erlangte 1994 weltweit Aufmerksamkeit, als hier die ältesten Jagdwaffen der Menschheit, die 300 000 Jahre alten Schöninger Speere, entdeckt wurden. Spektakulär war nicht nur der Erhaltungszustand, sondern auch das gesamte Fundumfeld mit weiteren Holz- und Steinartefakten und in dieser Qualität und Quantität weltweit einzigartigen tierischen Knochenfunden. Diese Funde revolutionierten die europäische Evolutionsgeschichte.

Immer wieder entdeckt das Team um den wissenschaftlichen Grabungsleiter Dr. Jordi Serangeli von der Universität Tübingen weitere Sensationen, wie beispielsweise im Jahr 2012 die Säbelzahnkatze und 2017 das nahezu vollständige Skelett eines Waldelefanten.

Tim Koddenberg von der Abteilung Holzbiologie und Holzprodukte der Universität Göttingen untersucht die Oberfläche eines Holzstückes mit einem hoch auflösenden Digitalmikroskop. So gelingt es, auch feinste Bearbeitungsspuren zu analysieren

Darüber hinaus hat das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD) mitgteilt, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Forschungsprojekt des Landesamtes mit der Universität Göttingen zu den Schöninger Speeren mit einem Betrag von rund 480 000 Euro fördert. Das Projekt läuft unter der Federführung von Prof. Dr. Thomas Terberger (NLD und Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen) und Prof. Dr. Holger Militz (Leiter der Abteilung Holzbiologie und Holzprodukte der Universität Göttingen). 

Mit einem interdisziplinären Team sollen in den kommenden drei Jahren die etwa 300 000 Jahre alten Holzfunde von der international bekannten Fundstelle Schöningen mit modernsten bildgebenden Verfahren detailliert untersucht werden, um mehr über den Herstellungsprozess, die Nutzung und den Fundzusammenhang der einmalig erhaltenen Waffen zu erfahren.

Da während der Grabung die Hölzer aus dem sogenannten Speerhorizont der Fundstelle Schöningen 13 II vollständig geborgen wurden, steht für die wissenschaftliche Auswertung ein einzigartiges Inventar zur Verfügung. Die Forscher wollen ein Gesamtinventar aller bearbeiteten Holzobjekte und eine detaillierte Dokumentation aller Bearbeitungsspuren erstellen. Darauf aufbauend soll die Funktion der bearbeiteten Artefakte bestimmt werden. Ferner gilt es zu untersuchen, in welchem Zustand die Hölzer auf den Fundplatz gelangten und welche Bearbeitungsschritte vor Ort erfolgt sind. Die Ergebnisse des Projektes sollen zukünftig im Internet und im Forschungsmuseum Schöningen nahe der originalen Fundstelle der Öffentlichkeit präsentiert werden.