Eintracht-Trainer Daniel Meyer: »Für uns als Aufsteiger ist das eine Katastrophe«

Trainer Daniel Meyer von Eintracht Braunschweig
Daniel Meyer übernahm im Sommer das Traineramt bei Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig. Trotz schwacher Hinrunde ist der 41-Jährige überzeugt, den Klassenerhalt mit seinem Team zu schaffen Foto: Eintracht Braunschweig/Agentur Hübner
Im Sommer des vergangenen Jahres hat Daniel Meyer das Traineramt von Aufstiegstrainer Marco Antwerpen bei Zweitligist Eintracht Braunschweig übernommen. Mit den Löwen will der 41-Jährige trotz schwacher Hinserie in der Rückrunde noch einmal voll angreifen und die Mission Klassenerhalt erfüllen. Im Interview mit dem Stadtspiegel spricht Meyer über den personellen Umbruch vor Saisonbeginn, die Ladehemmungen von Torjäger Martin Kobylanski und die fehlende Fannähe aufgrund der Coronapandemie.

Herr Meyer, die Voraussetzungen bei Ihrem Amtsantritt waren schwierig. In kurzer Zeit mussten Sie als Neuling den personellen Umbruch im Kader der Eintracht in die richtigen Bahnen lenken und mit zahlreichen neu verpflichteten Spielern eine schlagkräftige Mannschaft für die 2. Bundesliga formen. Was waren dabei die größten Herausforderungen?

Es mussten unter schwierigen Rahmenbedingungen schnelle Entscheidungen getroffen werden. In Anbetracht des Zeitdrucks und der Tragweite des Umbruchs war die Trefferquote dabei sowohl innerhalb der Mannschaft als auch im Trainerstab ordentlich. Bei der Personalplanung lag der Fokus in erster Linie auf dem Erreichen des Klassenerhalts, gleichzeitig galt es aber auch, die Weichen für die Zukunft zu stellen und frühzeitig Entscheidungen zu treffen, die mittelfristig eine klare Idee verfolgen. Das ist uns trotz der komplizierten Bedingungen überwiegend gelungen.

Trotz aller Bemühungen steckt Ihr Team derzeit mitten im Abstiegskampf. Ihre Mannschaft hat die zweitmeisten Gegentore kassiert und die wenigsten Tore aller Teams geschossen. Wie erklären Sie sich die Schwächen?

nsgesamt haben wir aber in vielen Partien in der Defensive entscheidende individuelle Fehler gemacht, die uns einige Punkte gekostet haben. Wenn man defensiv anfällig ist und zum Teil auch die Qualität für die 2. Bundesliga fehlt, dann sind die vielen Gegentore das Ergebnis davon. Hinzu kam, dass wir gerade in diesem Mannschaftsteil mit langen verletzungsbedingten Ausfällen von Spielern zu kämpfen hatten und haben, die ursprünglich gesetzt waren. Mit den Verpflichtungen von Brian Behrendt und Oumar Diakhite haben wir auf die Defensivschwäche rea­giert. Beide werden hoffentlich langfristig dazu beitragen, dass die Fehlerquote sinkt und unsere Abwehr stabiler agiert.

Woran hapert es im Offensiv­bereich?

Durch die Instabilität in der Defensive ist uns auch ein Stück weit die Selbstverständlichkeit im Offensivspiel abhandengekommen. Wenn unsere Defensiv­abteilung mehr Sicherheit gewinnt, dann hoffe ich, dass sich auch unser Offensivspiel wieder verbessert. Das muss das Ziel sein, denn wir haben vorne leider niemanden, der uns 15 Saisontore garantiert. Auch aus diesem Grund wäre ich nicht böse, wenn sich für die Offensive noch etwas ergeben würde.

Gibt es in dieser Hinsicht bereits konkrete Gespräche?

Wir haben immer Spieler im Blick und Ideen im Kopf, aber es ist ja auch bekannt, dass wir einen relativ schmalen Etat haben. Große Sprünge sind bei uns nicht möglich. Trotzdem versuchen alle Beteiligten, sollte uns noch ein Spieler verlassen, frei gewordenes Kapital sinnvoll zu investieren.

Sinnbildlich für die mangelnde Durchschlagskraft in der Offensive steht derzeit der Aufstiegsheld und Kapitän Martin Kobylanski. Wir erklären Sie sich seine fehlende Treffsicherheit?

In Liga drei war Koby ein Unterschiedsspieler. Das lässt sich aber nicht immer auf die höhere Spielklasse übertragen. Der Unterschied zwischen 3. Liga und 2. Bundesliga in Sachen Intensität und Geschwindigkeit ist groß. Das merken derzeit nicht nur die Spieler, die wir aus der 3. Liga mitnahmen, sondern auch die Topspieler, die wir von dort verpflichtet haben. Martin ist ganz gut in die Saison gekommen, bis eine Innenbandverletzung ihn für gewisse Zeit stoppte. Nach seiner Genesung hat er von uns sehr schnell wieder das Vertrauen und viele Spielminuten bekommen. Letztlich hat sich aber über die Spielzeit beim ihm keine Sicherheit eingestellt. Sein klarer Auftrag ist es nun, den Knoten irgendwann wieder zu durchbrechen. Er muss sich das wieder erarbeiten, was bei Künstlern natürlich nicht immer der erste Impuls ist. Er ist unsere Nummer zehn, ein besonderer Spieler. Diese Spieler kommen eigentlich über andere Elemente als über harte Arbeit. Koby muss für sich selbst die richtige Balance finden und sich mit der Unterstützung von uns allen wieder reinkämpfen.

Für Ihr Team geht es nun ohne Pause in die Rückrunde, wo gleich zu Beginn die Duelle mit den Topteams aus Kiel, Hannover und Bochum anstehen. Wie wollen Sie die Aufgaben angehen, und welche Punktausbeute haben Sie sich zum Ziel gesetzt?

Für uns ist es sehr problematisch, dass wir keine Winterpause haben. In der Konstellation, in der wir uns befinden, wäre es gut gewesen, noch eine zweite Vorbereitung mit eventuellem Trainingslager und Testspielen zu haben. Eine konkrete Punktausbeute als Ziel habe ich für die besagten Partien nicht im Kopf. Es hilft nichts, sich künstlich unter Druck zu setzen. Wir haben uns vorgenommen, jetzt in dieser schweren Phase alles dafür zu tun, um in Schlagdistanz zu den Nichtabstiegsplätzen zu bleiben. Stand jetzt haben wir zu wenig Punkte. Das nervt uns. Allerdings dürfen wir uns nicht verrückt machen lassen. Was uns fehlt, sind die Punkte gegen die Mannschaften aus dem Mittelfeld. Gegen diese Teams spielen wir in der Rückrunde fast ausschließlich zu Hause. In diesen wichtigen Heimspielen und natürlich in den Partien gegen die direkten Abstiegskonkurrenten müssen wir punkten. Daher war es für uns ganz wichtig, zum Rückrundenauftakt gegen Heidenheim ein Erfolgserlebnis zu feiern.

Sie haben gerade die wichtigen Heimsiege angesprochen. Wie sehr schmerzt dabei das leere Stadion an der Hamburger Straße aufgrund der Coronapandemie?

Das ist für uns als Aufsteiger und Mannschaft, die um den Klassenerhalt kämpft, eine Katastrophe. Der Trainerstab ist neu, und wir haben insgesamt 13 Spieler verpflichtet. Alle Neulinge konnten bisher kaum ein Gefühl für die Kraft und die Emo­tionen, die in diesem Klub stecken, bekommen. Es wird alles steril abgehandelt. Die im Fußball so wichtige Emotionalität kommt im Tagesgeschäft völlig abhanden. Hinzu kommen die leeren Ränge im Stadion. Dort würden uns unsere leidenschaftlichen Anhänger bei den Heimspielen unter normalen Bedingungen einen extremen Mehrwert geben und bei dem einen oder anderen Spieler sicher noch ein paar Prozent mehr herauskitzeln. Aber wir sind natürlich dennoch sehr froh, dass wir auch in dieser Zeit unserem Beruf nachgehen können.

Warum schafft Ihre Mannschaft am Ende der Saison den Klassenerhalt?

Es gibt einige Anhaltspunkte, die Hoffnung geben. Zum einen haben wir immer wieder auf schwache Spiele eine Reaktion gezeigt und auch gegen Topmannschaften gute Auftritte hingelegt. Wir wissen, dass wir an einem guten Tag, wenn alles passt, in der Lage sind, sehr ordentliche Leistungen abzuliefern. Optimistisch macht mich außerdem, dass meine Mannschaft trotz des großen Umbruchs bedingungslos zusammensteht und sich auch in schwierigen Situationen nicht hängen lässt. Beispiele dafür sind die Spiele in Paderborn und Sandhausen, wo wir Rückstände aufgeholt haben, oder auch das Remis in Würzburg nach zwei Roten Karten für uns. Es sind sehr viel Leben und Mentalität in der Mannschaft. Wir sind der Überzeugung, dass wir die wichtigen Dinge stärken und stabilisieren können und in der Liga bleiben.

 

Das Gespräch führte Sebastian Nickel